Little Room und die Entdeckung der Welt!
- steffihiller8585
- 29. Aug. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Sept. 2025
Klar, wir haben alle schon von den Meilensteinen der kindlichen Entwicklung gehört. Das Drehen, die ersten Schritte, Das erste Wort usw. Für die meisten Eltern ist gücklicherweise die Frage eher: Wann? Und ich wage mit einem schelmischen kleinen Augenzwinkern zu behaupten, dass es zwischen den Müttern eine Art kleiner Wettbewerb ist, wessen Kind was zuerst konnte.
Vielleicht sollte man aber an diese Stelle eher fragen: Warum?
Warum dreht sich ein Kind aus eigenem Antrieb? Welche Gründe hat es, sich umständlich auf die kleinen Beinchen zu stemmen? Was bewegt es, loslaufen zu wollen? Man könnte jetzt einfach behaupten, es liegt in den Genen. Evolutionäre Veranlagung. Und das mag auch stimmen. Aber ist das alles?
Dreht sich das Baby einfach so, weil es die genetische Veranlagung erfüllen will und sich sagt, Mama soll diesen Wettbewerb gewinnen? Oder dreht es sich vielleicht eher, weil es die Stimme von Mama im Zimmer gehört hat und sich ihr zuwendet, um sie besser zu sehen?
Zieht sich der kleine Junge am Tisch hoch, weil er sich sagt ich bin jetzt in dem Alter, wo alle aufstehen also mach ich das auch, oder weil er vielleicht auf dem Tisch etwas Interessantes gesehen hat, das er sich unbedingt näher angucken möchte?
Läuft das Kind plötzlich, weil es unbedingt muss, laut Evolutionsplan, oder vielleicht, weil es seine Eltern dort vorne stehen sieht, wie sie mit ausgebreiteten Armen auf es warten?
Das Sehen. Es macht natürlich nicht alles aus, aber eben eine ganze Menge.
Wie wichtig ist denn das Sehen allgemein überhaupt?
In der Wahrnehmungsforschung wird oft gesagt, dass der Sehsinn dominiert.
Genaue Prozentzahlen variieren je nach Quelle, aber häufig liest man:

Sehen: ca. 70–80 %
Hören: ca. 10–20 %
Tasten : ca. 5 %
Riechen: ca. 3–5 %
Schmecken: ca. 1 %
oft ergänzen sich die Sinne untereinander
Das sind keine absoluten, sondern eher Orientierungswerte, wie stark die Sinne normalerweise an der Informationsverarbeitung beteiligt sind.
Kurz gesagt: Der Mensch nimmt rund drei Viertel seiner Umwelt über die Augen wahr.
Ist das bei den Kleinen auch schon so?
Bei Babys und Kleinkindern verschiebt sich die Beteiligung der Sinne deutlich, weil Sehen und Hören erst reifen müssen, während Fühlen, Schmecken und Riechen von Anfang an eine riesige Rolle spielen. Dies ist mit ein Grund, warum Augenprobleme bei Neugeborenen oft nicht direkt erkannt werden.
Hier einmal eine kleine Übersicht
(Die Zahlen sind Näherungswerte aus Entwicklungspsychologie & Pädagogik, da es hier keine absolut exakten Prozentangaben gibt – aber es zeigt die Gewichtung recht gut):
Sinn | Gewichtung bei Neugeborenen | Gewichtung bei Kleinkindern (ca. 2–3 Jahre) | Bemerkung |
Tasten / Fühlen | ca. 40 % | ca. 20 % | Hautkontakt, Greifen und Bewegung sind wichtigste Zugänge zur Welt in den ersten Monaten. |
Schmecken | ca. 20 % | ca. 5 % | Schon im Mutterleib ausgeprägt, wichtig zur Nahrungswahl. |
Riechen | ca. 20 % | ca. 5 % | Neugeborene erkennen die Mutter am Geruch, Orientierung an Bezugspersonen. |
Hören | ca. 15 % | ca. 25 % | Schon im Bauch aktiv, Sprache und Musik werden immer bedeutsamer. |
Sehen | ca. 5 % | ca. 45 % | Anfangs unscharf, entwickelt sich stark im ersten Jahr, ab 2–3 Jahren Hauptsinn wie bei Erwachsenen. |
Dazu auch einmal eine kleine Grafik

Was bedeutet das nun eigentlich für die Entwicklung eines blinden oder sehgeschädigten Babys?
Das ist eine wichtige Frage, um zu verstehen, warum Förderung hier so gezielt ansetzt.
Die Wahrnehmung verschiebt sich
Bei blinden oder stark sehbehinderten Babys übernehmen Tasten, Hören, Riechen und Schmecken dauerhaft einen deutlich größeren Anteil.
Der „Anteil“ von Hören und Tasten kann auf über 60–70 % steigen, weil das Gehirn die fehlenden visuellen Reize kompensiert.
Die kognitive Entwicklung ebenfalls
Sehen ist normalerweise der „Motor“ für Entdecken, Motivation und Nachahmung wie schon in den oben genannten Beispielen angesprochen.
Ohne Sehen müssen die anderen Sinne den Antrieb geben, z. B. ein Klangspielzeug, ein fühlbarer Gegenstand oder die Stimme der Bezugsperson.
Dadurch kann die Entwicklung manchmal deutlich langsamer wirken, ist aber nicht weniger reichhaltig – sie verläuft nur über andere Kanäle. Und ist auch hier von Kind zu Kind verschieden.
Beziehung und Sicherheit
Sehende Kinder orientieren sich visuell an der Bezugsperson.
Blinde Babys, und Neugeborene, wie wir gelernt haben, orientieren sich über Stimme, Geruch und Berührung.
Das so genannte Urvertrauen ist hier besonders wichtig. Es beschreibt ein tiefes Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit, das sich in den ersten Lebensmonaten entwickelt durch das Erfüllen von Bedürfnissen, liebevolle Fürsorge und Nähe entstent.
Sprachentwicklung
Sprache entwickelt sich bei sehenden Kindern ebenfalls zu einem großen Teil aus dem Sehen. Sie sehen die Dinge, die ihre Umwelt automatisch benennt. Das passiert ohne viel Zutun. Sie ahmen auch die Mund-und Lippenbewegungen ihrer Bezugspersonen nach. Bei blinden Kindern gestaltet sich das weitaus schwieriger. Dinge müssen zum Befühlen in die Hand gegeben und gleichzeitig benannt werden. Immer und immer wieder. Es bedarf sehr vieler Wiederholungen und noch mehr Geduld. Und dennoch kann es ziemlich lange dauern, bis der Kleine Schatz endlich das heißersehnte "Mama" sagt.
Motorische Entwicklung
Weil visuelle Motivation („da liegt ein Ball, den will ich holen“) fehlt, bewegen sich blinde Kinder oft später und vorsichtiger.
Durch gezielte Angebote über Hören und Fühlen lässt sich das wunderbar fördern. Schaut dazu gern in meinen Beitrag zu Spielzeug!
Auch Physiotherapie kann hier viel bewirken. Das Gehirn speichert häufig durchgeführte Bewegungsmuster (zum Beispiel das Drehen), auch wenn diese nur passiv, also durch die Therapeutin angeleitet, stattfinden. Wenn das Kind dann genau diese Bewegung ausführen möchte, wird es das gespeicherte Bewegungsmuster automatisch abrufen.
Fazit
Blinde Kinder brauchen für vieles einfach länger und sie machen vieles anders. Und obwohl sie in derselben Welt leben wie wir, ist ihre doch eine gänzlich andere.
Ihre Fortschritte wirken manchmal winzig, fast unsichtbar. Und doch sind sie da. Jeder kleine Schritt ist ein kostbarer Erfolg, der zeigt: Dein Kind entwickelt sich, in seinem Tempo, auf seine Art.
Ein kleiner Erfahrungsbericht:
Mein Kleiner war mit 3 Monaten, als die Frühförderung zum ersten Mal da war, immer noch im Neugeborenenmodus. Viel am Schlafen. Schon ziemlich zufrieden, aber immer noch eher bei sich, die kleinen Ärmchen im Gesicht oder auf der Brust beschäftigt. Und ich stand immer noch unter Schock und war ziemlich überfordert mit meinem nun offiziell blinden Kind. Sie sagte, er weiß nicht, dass er eine Umwelt hat. Das war tatsächlich ein AHA-Moment für mich und es fiel mir wie Schuppen von den Augen!
Er weiß nicht, dass da um ihn herum eine ganze Welt existiert. Woher auch? Er sieht sie nicht. Er hat kein Gefühl, keine Vorstellung von Größe, Weite, Höhe oder Tiefe.
Für ihn existiert er selbst und diese, für uns schwarze, Blase um ihn herum. Er bekommt seine Umwelt, vor allem draußen, viel intensiver und überraschender zu spüren, weil er sie nicht sieht. Wind, Hupen, Sirenen, normale Stadtgeräusche...das muss irgendwie verarbeitet werden. Deshalb schläft er soviel.
Man muss ihm zeigen, dass da noch mehr existiert, das er entdecken kann. Ihm Dinge in die Hand geben zum Fühlen, verschiedene Strukturen entdecken lassen. Ihn dazu motivieren, die Arme und Beine auszustrecken und aktiv seine Umgebung zu erkunden. Ihn neugierig machen auf die Welt.
Beim nächsten Besuch brachte unsere Frühförderin eine ganze Kiste mit sperrigen Holz- und Metallteilen mit und fing unter fragenden Blicken an, etwas zusammenzubauen. "Das ist ein Little Room" sagte sie. Nachdem sie es ausführlich erklärt hatte, fand ich es großartig!
"Little Room" : die Welt außerhalb der Blase
Ursprung & Idee
Die dänische Psychologin Lilli Nielsen (1926–2013) entwickelte den Little Room als Teil ihres „Active Learning“-Ansatzes.
Ihr Grundgedanke: Kinder mit Sehbeeinträchtigung nehmen ihre Umwelt nicht automatisch visuell wahr. Sie müssen andere Sinne einsetzen – und dafür brauchen sie eine speziell gestaltete, sichere Lernumgebung, die zum Erkunden einlädt.
Der Aufbau des Little Room
...ist im Grunde so simpel wie genial. Es ist eine Art Box: 3 Seitenwände, oben geschlossen. 1 Seite bleibt offen. Das Material kann Metall sein, Holz, Plexiglas oder Kunststoff.
Die einzelnen Seitenelemente sind so gestaltet, dass man überall verschiedene Materialien oder Gegenstände anbringen kann. Auch an der oberen Seite. Es gibt auch Elemente, die schon ein fühlbares Objekt sind. Wir hatten ein Teil dabei, das bestand aus künstlichem, pieksigen und sehr harten Rasen.
Als Unterlage hatten wir eine dicke Decke. Man kann aber auch einfach eine weiche Matte verwenden. Bei der Verteilung und Auswahl der montierten Gegenstände kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Es sollte schon gut bestückt sein, aber nicht überladen. Das kann die Kleinen leicht überfordern.
Wirkprinzip & Nutzen
Der Little Room schafft eine überschaubare, anregende Mini-Welt, in der Kinder aktiv handeln können.
Selbstständiges Erkunden
Kinder stoßen, greifen oder treten zufällig gegen Gegenstände – und lernen: „Wenn ich das tue, passiert etwas.“
Multisensorische Erfahrungen
Töne (Klingeln, Klopfen, Rascheln) schärfen auditive Aufmerksamkeit.
Oberflächen, Formen und Temperaturen fördern taktile Wahrnehmung.
Raumorientierung & Körperbewusstsein
Kinder erfahren, wo ihre Hände und Füße sind, und dass sie gezielt Dinge erreichen können. So entwickelt sich Schritt für Schritt das Körperschema und ein Verständnis für den Raum.
Konzentration & Wiederholung
Im geschützten Rahmen gibt es weniger Ablenkung.
Kinder wiederholen Bewegungen und Handlungen immer wieder –so entstehen motorische Automatismen.
Emotionale Sicherheit
Die vertraute Umgebung vermittelt Geborgenheit.
Das Kind wird nicht passiv „bespielt“, sondern ist selbst der aktive Entdecker.
Bedeutung speziell für blinde Babys & Kinder
Der Little Room bringt die Umwelt näher und macht sie greifbarer.
Dadurch sollen Bewegungsdrang, Neugier und Selbstständigkeit geweckt werden – wichtige Grundlagen für späteres Lernen und Selbstvertrauen.
Ein Kind strampelt → eine Glocke klingelt → das Baby wiederholt die Bewegung.
Mit der Hand stößt es zufällig gegen ein Holzstück → es klappert → das Kind greift gezielter danach.
Mit der Zeit erkennt es: „Ich kann Dinge bewirken“.
Genau diese Erfahrung ist entscheidend, um die sonst passive Haltung vieler blinder Kinder (die sonst nur auf Reize von außen reagieren) zu durchbrechen.
Und was kommt da rein?
Bei der Gestaltung des Inneren kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Alles, was Geräusche macht oder sich interessant anfühlt, ist erlaubt. Bei uns hing zum Beispiel eine Nagelbürste drin, ein Löffel, der toll auf dem Holz klapperte, eine Kette aus dem Baumarkt, ein paar Tücher zum Knibbeln, von der Decke hingen Glöckchen in erreichbarer Höhe.

Vom "Little Room" zur "Little Wall"
Irgendwann war mein Kleiner einfach zu groß – und ehrlich gesagt auch zu aktiv – für den Little Room. Aber wir wollten das Prinzip einer anpassbaren Entdeckerfläche unbedingt behalten.
Also haben wir den Little Room kurzerhand an die Wand seiner Spielecke verlegt. Die Lösung war überraschend simpel: eine Lochwand mit Abstandshaltern, die man bei Bedarf ab -und wieder dranmontieren kann. (Der Abstand ist wichtig, damit man auch wirklich Dinge daran befestigen kann.)
Und dann kam der schönste Teil: das Bestücken! Löffel, Bürsten, Tücher, Ketten – alles, was interessant klingt oder sich spannend anfühlt, durfte dran. Einmal aufgehängt, war die Little Wall sofort im Dauereinsatz.
Fazit: kinderleicht umzusetzen, flexibel anpassbar. Und mein Kleiner liebt es bis heute.


„Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Ich freue mich, wenn ihr ein paar Anregungen oder neue Gedanken mitnehmen konntet.“



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