Essen mit allen Sinnen! Wie Kinder ihre Welt erschmecken...
- steffihiller8585
- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

„Das Auge isst mit“, heißt es ja immer.
Tja. Bei blinden Kindern eben nicht.
Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, ist Essen eine der intensivsten Arten, die Welt zu entdecken.
Nur läuft das Ganze oft… sagen wir mal… etwas anders ab, als man es sich vorher so vorgestellt hat.
Denn statt hübsch am Tisch zu sitzen und neugierig den Teller anzuschauen, wird hier erst mal:
gefühlt, zerdrückt, sortiert, geworfen, wiedergefunden, unter dem Tisch verteilt. Was AUF dem Tisch bleibt, wird vielleicht sogar gegessen.
Vielleicht.
Wenn Essen erst mal nichts mit essen zu tun hat
Sehende Kinder sehen, was auf dem Teller liegt. Sie beobachten uns, machen nach, lassen sich von Farben und Formen locken.
All das fällt weg.
Also wird Essen über andere Wege entdeckt:
über Geruch, Geschmack, Temperatur, und ganz besonders über die Hände.
Und ja: Das bedeutet Matschen.
Viel Matschen.
Hände im Essen sind hier kein „schlechtes Benehmen“, sondern echtes Lernen. Wie fühlt sich das an? Ist das weich? Glitschig? Warm?
Kann man das greifen?
„Probier doch mal!“ Nur… warum eigentlich?
Wenn man nicht sieht, was da liegt, fehlt oft schlicht der Anreiz.
Warum sollte ich etwas probieren, das ich nicht einordnen kann?
Hier helfen vielleicht andere Reize:
„Riech mal, das duftet süß.“„Das ist warm und weich.“„Das knackt, wenn du draufbeißt.“
-ansonsten immer wieder anbieten
Auch kleine akustische Hinweise können helfen:ein „Löffel kommt“ oder ein leichtes Klopfen auf den Tisch.
Der Kita-Faktor !
Zuhause wird die Kartoffel nicht mal angefasst.. fühlt sich komisch an! Schmeckt bestimmt auch so! Lass ich liegen..
In der Kita? Wird alles gegessen.
Natürlich.
Warum?
Vielleicht weil andere Kinder da sind? Weil Abläufe anders sind? Weil Gruppendynamik wirkt, auch ohne Sehen?
Keine Ahnung!
Aber auch irgendwie beruhigend, denn bei sehenden Kindern ist zumindest das auch nicht anders.
Der Weg zum Essen ....ist länger als gedacht!
Was oft nicht bedacht wird und was auch uns erst später klar wurde: Essen lernen besteht - zumindest bei uns- aus mehreren einzelnen Schritten.
Und die müssen eventuell erst gelernt werden.
Brei
Plötzlich kommt etwas mit dem Löffel in den Mund ! Pfui! Raus damit!
Das ist erst mal ungewohnt und wird oft ausgespuckt, da sowohl Löffel als auch Brei neu sind.
Brei mit Stückchen
Wenn es mit dem Brei funktioniert, könnten langsam Stückchen dazukommen.
Da auch diese neu und ungewohnt sind, werden sie eventuell erst mal aussortiert.
-Falls euer Kind den Brei nimmt, die Stücke aber im Mund fein säuberlich sortiert und wieder ausspuckt, ist nicht schlimm! Habt Geduld!
Festes Essen kauen
Plötzlich ein komischer Klops im Mund, und große Verwirrung!
Da allerdings sowieso fast alles Neue über den Mund erkundet wird, kann man hier super spielerisch herangehen.
- Fruchtsauger:
Macht Spaß, ist super spannend und das Kind lernt, wenn ich auf Dingen herumkaue, passiert etwas Tolles. Wir haben die Sauger erst mit dem Lieblingsbrei (Birnenmus) gefüllt und dann mit Birnenstückchen.
- weiches Obst erkunden lassen:
Nachdem das mit dem Sauger geklappt hatte, haben wir weich gedämpfte Birne zum Erkunden gegeben. Hat er erst nur drauf herumgelutscht, aber schon bald darauf fröhlich durchgekaut und wieder ausgespuckt.
- wenn euer Kind im Mund schon Sachen sortiert und auch gezielt wieder nach draußen befördert statt es zu schlucken, ärgert euch nicht! Das ist im Grunde sehr positiv und zeigt euch, dass euer Kind seinen Mundraum voll im Griff hat. Die Gefahr, sich zu verschlucken, sinkt dadurch .
Gekautes Essen schlucken
Fühlt sich wieder anders an. Manche Kinder kauen nur und schlucken nicht, da sie das Kauen eher als Spiel ansehen als als "Vorgang des Essens".
- Wir haben beim "Vorgang des Essens" zusätzlich zum Brei immer auch weiche Birne angeboten, die er ja schon vom Durchkau-und-wieder-Ausspuck-Spiel kannte.
Selbst essen
Essen greifen und zum Mund führen – oft der „einfachste“ Schritt
-die weiche Birne lag auf einem haptisch interessantem Teller mit Noppen. Beim darauf herumfühlen wurde die Birne entdeckt und zur Untersuchung in den Mund geführt.
Manchmal brauchen Kinder hier Unterstützung durch Logopädie, um den Kau- und Schluckprozess zu lernen. Die haben oft ganz tolle Ideen, neue Herangehensweisen, Hilfsmittel und Tipps.
Manchmal sind Kinder aber auch weniger kompliziert als unseres und essen einfach. Ohne viel Drama! Falls das Euch betrifft: Glückwunsch! :)
Selbstständig essen <-> Theorie vs. Realität
Klingt einfach. „Das Kind isst selbst.“
In der Praxis:
Erstmal muss der Teller gefunden werden.
Dann das Essen darauf.
Dann entschieden werden: Finger oder Besteck?
Spoiler: Finger gewinnen oft, was völlig in Ordnung ist!
Versucht mal, mit geschlossenen Augen mit Besteck zu essen! Frustrierend!
Hilfsmittel können den Weg erleichtern:
rutschfeste Teller mit Rand sind Gold wert!
angepasstes Besteck, falls es benutzt wird.
Und vor allem: immer gleiche Abläufe.
Gleicher Platz, gleiche Reihenfolge, klare Handführung, auch um Sachen wieder auf den Teller zurück zu legen!
Das gibt Sicherheit in einer Situation, die sonst ziemlich unübersichtlich sein kann.
Essenszeiten… dürfen chaotisch sein
Es gibt Tage, da läuft es super.
Und dann gibt es Tage, da dauert eine Mahlzeit gefühlt drei Stunden, endet in einem kompletten Outfitwechsel und man fragt sich, ob überhaupt irgendwas im Magen gelandet ist.
Ganz ehrlich?
„1 Mahlzeit, 1 Stunde, 1 Outfit“ ist manchmal schon ein Erfolg.
Unserer Erfahrung nach hilft ein eigener kleiner „Erkundungsbereich“ am Tisch, wo genau das erlaubt ist, ohne dass Mama und Papa selbst komplett paniert werden 😉
Es hilft, die Erwartungen ein bisschen runterzuschrauben und es mit Humor zu sehen.
Einfache Lieblingsgerichte für kleine Hände
Unsere Erfahrung: Gut funktioniert klassisches Fingerfood. Alles in handlicher Größe. Essen muss außerdem spannend im Mund sein! Es darf knacken, knuspern und intensiv schmecken!
Klassiker bei uns:
Obst und Gemüsesticks roh
Kartoffelwedges pikant gewürzt
auch Pommes und Chicken Nuggets sind beliebt
gekochtes Gemüse in handlicher Größe
Knäckebrot
Reiswaffeln
Nudeln
Marmeladenbrötchen -ja, Marmelade! Die einzige Süßigkeit, die unser Kleiner akzeptiert, also was solls!
Lachs und Fleisch wird immer zuerst gegessen...
Erlaubt ist, was gefällt
Es sollte möglichst Verschiedenes angeboten und auch beim Essen immer wieder benannt werden, damit euer Kind einen Namen zu einem bestimmten Geschmack lernt. Auch Nicht-Fingerfood wie Kartoffelpürree, Reis oder Nudeln mit Soße sollte auf dem Speiseplan stehen, auch wenn das in heillosem Geschmiere und einem Bade-Tag endet! Auch diese Texturen müssen kennengelernt werden.
Fazit
Essen bei blinden Kindern ist nicht einfach nur Nahrungsaufnahme.
Es ist ein großes Stück Weltentdeckung.
Es braucht Geduld.Struktur.Und die Bereitschaft, auch mal beide Augen zuzudrücken 😉
Nicht der saubere Teller ist das Ziel.
Sondern ein Kind, das mit Neugier isst, ausprobiert, und Schritt für Schritt seinen eigenen Weg findet.
Danke fürs Lesen und viel Spaß beim Weltentdecken, Matschen und Krümel-vom-Boden-sammeln!

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