Akzeptanz Teil 2
- steffihiller8585
- 6. Sept.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Sept.
...die der anderen
Nachdem wir uns langsam selbst zurechtgefunden hatten, merkten wir schnell:
Die eigentliche Herausforderung endet nicht bei uns. Denn sobald man nach außen tritt, zu Familie, Freunden, auf den Spielplatz oder in die Kita, kann man einer Neuen begegnen: der Akzeptanz der anderen.
Auf dem Spielplatz, im Supermarkt oder in der Kita merken wir schnell, dass unser Kind „anders“ wahrgenommen wird. Manche Menschen schauen betroffen weg, andere wirken übertrieben mitleidig. Wieder andere sind unsicher und sagen lieber gar nichts. Und dann gibt es die, die meinen, sofort die passenden Ratschläge parat zu haben. Diese Reaktionen zeigen, wie wenig selbstverständlich Inklusion noch ist. Und all das kostet Energie. Oft wünsche ich mir einfach nur Normalität. Dass unser Kind angenommen wird, wie es ist, ohne dass sofort ein Fragezeichen über ihm schwebt.
Erwartungen und Projektionen
Andere Menschen haben klare Vorstellungen davon, wie ein Kind „sein sollte“. Die Reaktionen reichen von übertriebener Fürsorge bis hin zu Abwehr oder Sprachlosigkeit. Und die Frage bleibt: Wie gehe ich mit Blicken, Kommentaren oder Schweigen um?
Nähe und Distanz
Es gibt Menschen, die wirklich verstehen wollen. Und es gibt solche, die nur ihre eigenen Ängste spiegeln. Der Unterschied ist spürbar. Und er macht klar: Man darf und sollte Grenzen setzen. Nicht jede Frage muss beantwortet, nicht jeder Blick kommentiert werden.
Unterstützung finden
Zum Glück gibt es auch die anderen:
Menschen, die zuhören, einfach da sind, nicht sofort Lösungen liefern. Solche, die mein Kind einfach nur als mein Kind sehen. Die es annehmen, wie es ist, ohne zu urteilen und keine Berührungsängste haben.
Und die professionellen Begleiter. Frühförderinnen, Ärztinnen, Pädagogen, die uns nicht nur das Kind sehen lassen, sondern auch uns Eltern.
Was uns hilft
Reden :
mit Menschen, die wirklich zuhören.
Austausch :
mit Eltern, die verstehen, worum es geht.
Grenzen setzen :
nicht jede Erklärung ist nötig aber auch nicht jeden Kommentar muss man sich gefallen lassen.
Stolz statt Mitleid :
unser Kind ist kein Rätsel, das man lösen muss, sondern ein Mensch, den wir stolz zeigen. Ein Mensch, der sein darf, wie er ist.
Geduld :
so wie wir selbst muss manchmal sogar unser direktes Umfeld sich erst mit der neuen Situation auseinandersetzen. Dies braucht manchmal Zeit, so wie wir selbst diese Zeit ja auch brauchten.
Beharrlichkeit :
Manche Menschen wirken erst mal abweisend, sind aber einfach unsicher, wie sie mit einem "anderen" Kind umgehen sollen. Hier kann Beharrlichkeit und Ausdauer helfen. Manchmal muss man sich einfach erst beschnuppern...
Loslassen :
Es gibt leider auch Menschen, die in ihren Ansichten ziemlich festgefahren sind, bei denen weder reden, noch Geduld oder Beharrlichkeit irgendetwas bringt. Solche Leute meinen es vielleicht nicht böse, aber sie rauben sehr viel Energie. Ehrlicherweise meide ich sie...
Was sind unsere Erfahrungen?
Wir haben tatsächlich überwiegend positive Erfahrungen gemacht.
Als ich nach der Elternzeit wieder arbeiten ging, nahm ich meinen Kleinen manchmal für ein bis zwei Stunden mit, bis sein Papa ihn abholte. Damals hatte ich meine eigenen „Trümmer“ soweit sortiert, dass ich langsam darüber sprechen konnte.
Natürlich sah ich die fragenden Blicke, als meine Kolleginnen und Kollegen bemerkten, dass er sich etwas anders verhielt als andere Kinder. Ich hatte beschlossen, von selbst nichts zu erzählen, aber die Wahrheit zu sagen, wenn jemand direkt fragt. Es hat allerdings deutlich länger gedauert, als gedacht, bis sich jemand traute.
Im überfüllten, lauten Dienstzimmer dann, ganz leise:
„Steffi… Autismus?“ – plötzlich wurde es ruhiger.
„Nein, Blindismus.“ kurze Stille.
„Ah, okay.“
Damit war der Knoten geplatzt. Nach und nach trauten sich alle, ihre Fragen zu stellen. Das Wissen um seine Blindheit hat jedoch nichts am Verhalten verändert: Keine Berührungsängste, keine Vorurteile. Die Zurückhaltenden blieben zurückhaltend und brauchten einfach ihre Zeit, was okay ist. Die Offenen waren sofort mittendrin.
Ich war überrascht, wie unkompliziert Inklusion und Akzeptanz funktionieren können – und stolz auf meine Kolleginnen und Kollegen. Noch heute nehme ich meinen Sohn manchmal mit. Kaum betreten wir das Dienstzimmer, ist er plötzlich verschwunden – eine Kollegin hat ihn schon mitgenommen. Aus verschiedenen Ecken höre ich dann Lachen, Klopfen oder Rufen.
Wenn ich ihn zum Essen auf einen Stuhl setze, dauert es keine Minute, bis zwei Menschen neben ihm sitzen und aufpassen.
Auch in der Kita erlebe ich, wie Inklusion selbstverständlich gelebt und, so glaube ich, auch an die Eltern weitergegeben wird.
Und selbst beim Wocheneinkauf waren die Blicke anfangs leicht irritiert, doch Mittlerweile sind sie einem ehrlichen, freundlichen Lächeln gewichen.
Aber vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass mein Kind einfach das süßeste der Welt ist 😉.
Fazit
Gesellschaftliche Akzeptanz bedeutet für mich, dass Behinderung sichtbar sein darf, ohne bewertet oder kommentiert zu werden. Menschen sollen einfach ihr Leben leben dürfen, ohne dass ihr Handicap im Mittelpunkt steht. Doch die Akzeptanz der anderen ist keine Selbstverständlichkeit. Oft braucht es Geduld, manchmal auch die Fähigkeit, loszulassen.
Unsere Erfahrungen haben mir aber auch gezeigt, dass Akzeptanz nicht immer mühsam erkämpft werden muss. Oft reichen Offenheit, ein wenig Zeit und Menschen, die wirklich zuhören. Inklusion entsteht manchmal leiser und einfacher, als man es sich ausmalt – und wenn sie gelingt, wirkt sie so selbstverständlich, dass man kaum noch über sie nachdenkt.
Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Vielleicht entsteht Akzeptanz genau dort, wo wir unsere Geschichten teilen



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