Kitakind?
- steffihiller8585
- 31. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Sept.
Soll mein Kind in die Kita – und welche Arten gibt es eigentlich?
Früher oder später stehen auch Eltern blinder oder sehgeschädigter
Kinder vor der großen Frage:
Soll mein Kind in die Kita – und wenn ja, welche ist die richtige?
Die Auswahl ist groß: von klassischen Einrichtungen über integrative Kitas bis hin zu speziellen Förder-Kitas für Kinder mit Sehbeeinträchtigung. Jede Einrichtung hat ihre eigenen Schwerpunkte, ihre eigene Pädagogik und ihren ganz eigenen Alltag.
Welche Kitas kommen für mein Kind infrage?
Für einen besseren Überblick habe ich die wichtigsten Kita-Formen mit Blick auf die besonderen Anforderungen zusammengestellt.
Kita-Art | Vorteile | Herausforderungen |
Klassische Kita | - Nähe zum Wohnort - Soziale Integration mit sehenden Kindern | - Wenig Erfahrung mit Blindheit - Externe Unterstützung nötig |
Integrative Kita | - Fachwissen im Umgang mit besonderen Bedürfnissen - Gemeinsames Lernen & Inklusion - Zusammenarbeit mit Therapeuten | - Hohe Nachfrage, begrenzte Plätze - Qualität variiert |
Spezialisierte Kita (Förderschwerpunkt Sehen) | - Fachpersonal mit Expertise - Optimal angepasste Umgebung & Materialien - Kind erlebt Gleichgesinnte | - Oft weiter entfernt - Weniger Kontakt mit sehenden Kindern |
Waldkindergarten | - Intensive Sinneserfahrungen - Bewegung & Motorikförderung | - Nur mit enger Betreuung geeignet - Stolperfallen & Risiken im Gelände |
Montessori / Waldorf | - Fokus auf Sinneserfahrungen & Selbstständigkeit - Kreative & individuelle Förderung | - Anpassungen oft nötig - Erfahrung mit blinden Kindern unterschiedlich |
Am Ende hängt viel vom Team ab: Offenheit, Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Eltern & Frühförderung sind oft wichtiger als das Konzept allein.
Gerade für Kinder mit Blindheit oder Sehschädigung spielt eine besondere Rolle, wie individuell auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird. Sei es durch mehr Unterstützung bei der Orientierung, gezielte Angebote zur Sinnesförderung oder einfach eine liebevolle Umgebung, die Sicherheit vermittelt.
Welche Fragen bei der Kitawahl helfen können:
Aus meiner Erfahrung habe ich gelernt: Oft sind es gar nicht die großen Punkte, sondern die kleinen, scheinbar nebensächlichen Dinge, an denen es am Ende haken kann.
Genau deshalb habe ich versucht, die wichtigsten Aspekte einmal übersichtlich zusammenzufassen.
Allgemeine Fragen
Einzelne Kita oder Kette?
Wie viele Kinder pro Erzieher:in?
Ab welchem Alter werden Kinder aufgenommen?
Wird mit Zeitarbeitsfirmen gearbeitet oder gibt es Betriebs-intern Möglichkeiten, Betreuungskräfte zu ersetzen?
Liegt die Kita günstig zu Wohnung und/oder Arbeit?
Passen die Öffnungszeiten zu unseren Arbeitszeiten?
wie sind die Schließzeiten?
Gibt es Parkplätze, Fahrradständer, Kinderwagenstellplätze?
Muss ich meinem Kind bestimmte Mahlzeiten mitgeben?
Gibt es besondere Extras (Musikschule, Sportangebote, Ausflüge)?
Hat die Kita Erfahrung mit blinden oder sehgeschädigten Kindern?
Wie sieht die Eingewöhnung aus, speziell für ein Kind, das nicht sehen kann?
Raum & Umgebung
Wie wirkt die Einrichtung: hell, freundlich, sauber?
Welche Rolle spielt Natur & Bewegung?
Wie groß ist der Außenbereich? Gibt es vielleicht mehrere Spielplätze?
Gibt es Rückzugsmöglichkeiten für Kinder, die Ruhe brauchen?
Gibt es Möglichkeiten, einen geschützten Bereich nur für mein Kind zu schaffen?
Werden Sinneserfahrungen über Hören, Fühlen und Riechen gezielt eingebaut?
Hat die Kita die Möglichkeit, für mein Kind z.B. extra Spielzeug anzuschaffen?
Alltag & Betreuung
Wirken die Erzieher:innen offen, freundlich, zugewandt?
Wie werden Eltern einbezogen (Elternabende, Initiativen, Mitwirkung)?
Wird mein Kind im Alltag gezielt unterstützt (z. B. beim Orientieren im Raum oder beim Finden von Spielsachen)?
Wird mein Kind in den Kitaalltag aktiv integriert? ( ...oder irgendwo ausgeschlossen, sowas gibts leider auch)
Wie werden Übergänge (z. B. draußen–drinnen, von der Kita nach Hause) begleitet?
Zusammenarbeit
Wie offen ist das Team für unsere Frühförderung und deren Vorstellungen?
gibt es in der Kita vielleicht sogar feste Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Logopäden? Sind diese beim Kennenlerngespräch dabei?
Ist die Kita offen für externe Therapeuten?
wie flexibel ist die Kita im Alltag? Therapeuten kommen erfahrungsgemäß gern zu ungünstigen Zeiten. Zum Beispiel zur Essenszeit..
Gibt es Austausch mit anderen Eltern in ähnlicher Situation?
Wichtig: Nicht nur die Antworten zählen, sondern auch das Gefühl, das ihr beim Gespräch habt. Offenheit, Geduld und echtes Interesse sind oft wichtiger als Vorerfahrung. Auch der Umgang des Teams untereinander oder auch mit anderen Eltern kann eine Menge aussagen.
Ein kleiner Erfahrungsbericht:
Unsere erste Kita lag direkt nebenan. Klein, privat und eigentlich, so dachten wir, perfekt. Doch schnell zeigte sich: Sie waren mit unserem blinden Kind überfordert. Erfahrung hatten sie keine, sie wollten es zwar versuchen, aber vieles lief schief. Oft holte ich ein gestresstes, durstiges Kind ab, das zuhause erst einmal „gewässert“ wurde. Sein Tee musste immer warm sein – für die Kita ein unlösbares Problem. Auch die langen Schließzeiten (4 Wochen Sommer, 2 Wochen Weihnachten) passten nicht zu unseren Schichtplänen. Und dann noch die häufigen „Heute geschlossen wegen Personalausfall“-Mails. Irgendwann war klar: Wir müssen wechseln.
Unsere Frühförderin empfahl uns über eine Kollegin eine Kita einer großen Hamburger Kette. Mitten im Kitajahr gab es dort tatsächlich noch einen Integrationsplatz, und sie luden uns sofort zum Kennenlernen ein.
Beim Gespräch saßen wir zu siebt: wir Eltern, die Leitung, ihre Vertretung, eine Betreuerin der betreffenden Gruppe und die hauseigene Logopädin. Und natürlich die Hauptrolle: Unser Kleiner! Nebenan war die Physiotherapeutin bei der Arbeit. Schon da merkte ich: Hier herrscht Erfahrung, Routine und vor allem keine Unsicherheit im Umgang mit besonderen Kindern. Im Gegenteil, man freute sich auf unseren Kleinen.
Meine vorsichtige Frage nach warmen Getränken wurde fast belächelt: „Natürlich machen wir das warm. Wir haben doch eine Küche im Gruppenraum.“ Auch die Schließzeiten waren deutlich überschaubarer. Die Liste passte auf ein halbes Din-A5-Blatt.
Unser Kleiner? Die Hauptrolle? Der hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das ganze Gespräch einfach verschlafen.
Wir nahmen den Platz natürlich. Auch wenn die Kita weiter weg ist, war es genau die richtige Entscheidung. Unser Sohn fühlt sich dort pudelwohl, und ich habe ein sehr gutes Gefühl dabei, ihn jeden Tag dort abzugeben. Seitdem: keine einzige „Heute geschlossen“-Mail mehr.
Vielleicht sollte es einfach so kommen.
Krippe und Frühförderung
Warm-up zum Passierschein A38
Je nachdem, wann euer Kind in die Kita kommt und ob ihr Frühförderung beansprucht, stoßt ihr ziemlich schnell auf Besonderheiten im Antragsdschungel. Und glaubt mir: Das Ganze hat mitunter echte Asterix-und-Obelix-Potenziale. Stichwort: Passierschein A38.
Damit ihr nicht völlig verloren geht, hier einmal der Überblick – zumindest so, wie es bei uns in Hamburg geregelt ist.
Krippenzeit (0–3 Jahre)
alles noch überschaubar
In der Krippe ist es tatsächlich noch vergleichsweise unkompliziert:
Ihr beantragt einen ganz normalen Kitagutschein über hamburg.de
Den gebt ihr bei eurer Kita ab, zahlt euren üblichen Elternbeitrag und fertig.
Die Frühförderung kommt zu festen Terminen direkt in die Kita.
Einmal im Jahr gibt es einen Termin mit der Frühförderin zur Entwicklungsbegutachtung.
Alle Therapien, die euer Kind über die Frühförderung erhält, rechnet die Frühförderstelle direkt ab.
Das heißt: Ihr habt mit der Bürokratie erst einmal relativ wenig am Hut.
Ab 3 Jahren:
der Elementarbereich und der legendäre „Passierschein A38“
Sobald euer Kind ungefähr 2 ½ Jahre alt ist, heißt es: ran an den neuen Kitagutschein! Aber diesmal wird es komplizierter:
Statt eines normalen Gutscheins beantragt ihr nun den Kitagutschein für Kinder mit Eingliederungshilfe.
Offizieller Name: Antrag auf Leistungen der Eingliederungshilfe nach dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) für ein minderjähriges Kind.
Klingt sperrig? Ist es auch. Und der Antrag dauert deutlich länger als ein „Standard-Kitaantrag“. Sämtliche Berichte, die vorgelegt werden müssen, müssen meist erst noch geschrieben werden und das kann schon mal 2 Wochen dauern. Deshalb wirklich rechtzeitig anfangen!
Was ihr braucht:
aktueller Entwicklungsericht der (eventuell letzten) Kita
aktueller Bericht der Frühförderung
aktueller Bericht von z. B. der Physiotherapie
Angaben zum Arbeitsverhältnis, Arbeitszeiten und Einkommen (ja, vom Arbeitgeber auszufüllen!)
Ablauf:
Antrag stellen (Fachamt für Eingliederungshilfe über hamburg.de)
Termin für ein Gutachten wahrnehmen. Die rufen irgendwann an, nachdem der Antrag raus ist. -> Beim ersten Gutachter-Termin wurde ich gefragt, ob ich zu gegebener Zeit per Mail an den Folge-Antrag erinnert werden möchte. Wer Fristen gerne verpasst, so wie wir, sollte das in Anspruch nehmen :)
Warten.
Bewilligung bei der Kita abgeben.
Jährliche Wiederholung: Der Antrag läuft nicht einfach durch, sondern muss jährlich neu gestellt werden. Ist dann natürlich auch ein neues Formular.
Ab dann übernimmt das Amt den größten Teil des Kitabeitrags. Alle im Gutschein bewilligten Therapien sowie die Frühförderung werden über die Kita abgerechnet. Selbst wenn die Frühförderin ausnahmsweise zu euch nach Hause kommt, muss das vorher von der Kita abgesegnet werden.
Ist das bundeseinheitlich geregelt?
Kurze Antwort: Nein.
Jedes Bundesland hat seine eigenen Strukturen, Abläufe und Zuständigkeiten. Die Grundsätze sind zwar im SGB IX verankert, aber die Umsetzung – sprich, welche Formulare, welches Amt, welche Fristen – unterscheidet sich teils erheblich. Hamburg tickt da eben so, andere Bundesländer wieder anders.
Lasst euch nicht entmutigen. Und fragt unbedingt bei eurer Kita nach ! Oft haben die schon Erfahrung mit dem Prozedere und können wertvolle Hinweise geben.
Tipp aus Erfahrung:
Wenn euer Kind zusätzlich noch extra Physiotherapie außerhalb der Kita hat, benötigt ihr dafür dann auch eine Verordnung vom Kinderarzt. Das übernimmt der Gutschein nicht mit. Wir machen das tatsächlich so. Die Therapie in der Kita findet ja in der Regel ohne Eltern statt, was schade ist, denn man kann dort viel lernen, das gut auch zuhause angewandt werden kann. Mein Kind bewegt sich ja zuhause auch! Da will ich schon gerne wissen, wie ich ihn am Besten unterstützen kann. Deshalb haben wir 1x wöchentlich einen festen Termin bei der Physio aus unserer alten Kita. Die war tatsächlich super :) Bei ihr hat der Kleine so große Fortschritte gemacht, dass wir bei ihr bleiben wollten. Sie gibt uns quasi auch immer "Hausaufgaben" mit, die wir zuhause mit unserem Kleinen üben sollen.
Danke für eure Zeit! Ich hoffe, ich konnte ein wenig Struktur in das Thema bringen, sodass ihr den Passierschein A38 schneller findet als Asterix.......oder ich.



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